Kuhhorn
Das Kuhhorn ist die Hülle, in der Hornmist und Hornkiesel im Boden reifen. Verwendet werden Hörner mehrfach gekalbter Kühe – Bullen- und Ochsenhörner sind ungeeignet.
Was ist die Rolle des Kuhhorns in der Biodynamik?
Das Kuhhorn ist das Gefäß, in dem die beiden Feldspritzpräparate reifen: Hornmist 500 (Kuhmist, über Winter) und Hornkiesel 501 (Quarzmehl, über Sommer). Beide tragen das Horn sogar im Namen. Das Horn wird gefüllt, im Boden vergraben und nach Monaten wieder ausgegraben; die Hülle selbst geht nicht in die Anwendung ein, sondern prägt nach biodynamischem Verständnis den Reifeprozess des Inhalts. Damit ist das Kuhhorn das vielleicht bekannteste Symbol der biodynamischen Wirtschaftsweise überhaupt.
Warum gerade das Kuhhorn?
Die Begründung stammt von Rudolf Steiner aus dem Landwirtschaftlichen Kurs. Er verstand das Horn als ein Organ, das die im Verdauungsvorgang der Kuh frei werdenden Kräfte zurückhält: „In diesem Stoffwechsel werden Kräfte frei, die durch die Hörner und Klauen zurückgehalten und dem Körperaufbau wieder zugeführt werden." Die Kuh „strahle" ihre Kräfte also nicht nach außen ab, sondern staue sie über Hörner und Klauen in den Organismus zurück.
Genau diese stauende Eigenschaft macht das Horn nach Steiner zum idealen Gefäß: Wird der Mist in das Horn gegeben und dieses im Winter eingegraben, so würden „auch die in den Stoffwechselvorgängen freiwerdenden Kräfte verstärkt und in den Dung zurückgestrahlt". Das ist der Gegenpol zum Hirschgeweih, das nach Steiner Kräfte abgibt und mit der kosmischen Umgebung der Erde verbunden ist — weshalb für das Schafgarbenpräparat 502 eine Hirschblase und nicht ein Kuhhorn verwendet wird. Diese Vorstellung entstammt Steiners geisteswissenschaftlichem Weltbild und wird hier als dessen Ursprungskonzept referiert, nicht als naturwissenschaftliche Erklärung.
Das Horn für zwei Gegenpole
Bemerkenswert ist, dass dasselbe Organ zwei polare Präparate beherbergt. Der Hornmist 500 reift über den Winter im Boden, wenn die Erde nach biodynamischem Bild „einatmet" und kosmische Kräfte aufnimmt — er gehört zur feuchten Erdsphäre. Der Hornkiesel 501 reift über den Sommer, den Sommersonnenkräften ausgesetzt — er gehört zur lichten Sphäre. Das Kuhhorn ist damit das Gefäß, das beide Pole — Erde und Licht, Winter und Sommer — fassen kann.
Welche Hörner sind geeignet?
Verwendet werden wohlgeformte, unbeschädigte Hörner von Kühen, die mehrfach gekalbt haben. Erkennbar sind solche Hörner an den „Kälberringen" — Einschnürungen am Hornansatz, die mit dem Einsetzen der Milchbildung nach einer Kalbung entstehen, weil das Horn dann weniger in die Dicke, dafür mehr in die Länge wächst. Das Kuhhorn ist relativ schwer, dickwandig und mehr oder weniger spiralig bis zur vollhornigen Spitze gedreht; der Knochenzapfen ist kurz und mit Hohlräumen durchsetzt.
Ungeeignet sind Hörner von Bullen und Ochsen: Sie tragen keine Ringe, sind dünnwandig, gehen gerade und kegelförmig in die Spitze über, und ihr Knochenzapfen füllt das Horn fast ganz aus. Auch gekochte, missgestaltete oder beschädigte Hörner sind unbrauchbar — das Horn soll, wie alle Präparatehüllen, „im Lebendigen" bleiben und nicht denaturiert werden.
Beschaffung und Pflege
Hörner sollten möglichst von einheimischen Kühen aus biologischer Haltung stammen; Hörner aus konventionellen Betrieben werden wegen anderer Fütterung und Haltung gemieden. Sind die Hörner nur mit dem Knochenzapfen zu bekommen, lässt sich dieser nach fünf bis vierzehn Tagen (im Plastiksack in der Sonne, unter Stroh oder im Komposthaufen) mühelos lösen.
Wegen der abnehmenden Kuhzahl und der zunehmenden Hornlosigkeit der Kühe (genetische Hornlosigkeit, Enthornung) wird ersatzweise mit den Klauen weiblicher Tiere experimentiert, die sich in unveröffentlichten Versuchen (z. B. Th. Dewes) vorläufig ebenfalls als geeignet erwiesen haben — Klauen werden dabei paarweise mit den Öffnungen gegeneinander eingegraben.
Wiederverwendung
Ein Hornmist-Horn lässt sich drei- bis fünfmal verwenden, solange es nur wenig beschädigt ist; stark angerottete Hörner werden ersetzt. Für Hornkiesel wird das Horn dagegen in der Regel nur einmal genutzt. Verbrauchte Hörner sind schwer zu zerkleinern; in die Pflanzgrube von Bäumen oder Sträuchern gegeben, sind sie eine langanhaltende Nahrungsquelle für das Bodenleben. Dieselbe Präparategrube kann immer wieder benutzt werden.
Einordnung
In der biodynamischen Tradition wird häufig gesagt, jeder Kälberring stehe für ein geborenes Kalb. Physiologisch sind solche Hornringe eher allgemeine Marker für Phasen körperlicher Belastung — Trächtigkeit und Kalbung gehören dazu, aber auch andere Stressoren. „Ein Ring = ein Kalb" ist also eine traditionelle Lesart und kein exakter Zählmaßstab. Steiners Begründung für das Horn als kräftestauendes Organ ist ein geisteswissenschaftliches Konzept; die Materialeigenschaften des Horns (Keratin, Anatomie) sind davon unabhängig sachlich beschreibbar.
Häufige Fragen zum Kuhhorn
Warum wird in der Biodynamik ein Kuhhorn verwendet?
Steiner verstand das Horn als Organ, das Kräfte aus dem Verdauungsprozess zurückhält und staut. In den Boden gegeben, sollen diese den Inhalt prägen. Es ist das namengebende Gefäß für Hornmist und Hornkiesel.
Woran erkennt man ein geeignetes Kuhhorn?
An den Kälberringen am Hornansatz, der dicken Wandung und der schlanken, spiraligen Form. Es muss von einer mehrfach gekalbten Kuh stammen.
Kann man Bullen- oder Ochsenhörner nehmen?
Nein, sie gelten als ungeeignet — dünnwandig, ungeringt, mit Knochen gefüllt. Verwendet werden Hörner weiblicher, mehrfach gekalbter Tiere.
Wie oft kann ein Horn verwendet werden?
Für Hornmist drei- bis fünfmal, für Hornkiesel in der Regel nur einmal. Verbrauchte Hörner kommen als Bodennahrung in Pflanzgruben.
Was tun bei hornlosen Kühen?
Ersatzweise werden Klauen weiblicher Tiere erprobt; sie haben sich vorläufig als geeignet erwiesen. Das Horn bleibt aber die klassische Hülle.