Schafgarbenpräparat 502
Das Schafgarbenpräparat (502) ist das erste der Kompostpräparate: Schafgarbenblüten, in einer Hirschblase über Sommer und Winter gereift. Es ordnet nach Steiner die Schwefel- und Kaliumprozesse im Dünger.
Was ist das Schafgarbenpräparat (502)?
Das Schafgarbenpräparat trägt die Nummer 502 und ist das erste der sechs Kompostpräparate. Es wird aus den Blütenständen der Schafgarbe (Achillea millefolium) hergestellt, in der Blase eines Rothirschs gereift und anschließend in kleinsten Mengen in Kompost, Mist, Gülle oder Jauche eingebracht. Nach biodynamischem Verständnis ordnet es die Schwefel- und Kaliumprozesse im Dünger und hilft diesem, Stickstoff und andere Stoffe in der richtigen Menge zu halten.
Wie alle Kompostpräparate wirkt 502 nicht über seine Stoffmenge — die ist verschwindend gering —, sondern als kräftegebender Impuls, der nach biodynamischer Vorstellung „ausstrahlt". Es ist Teil eines Ensembles aus sechs Präparaten (502–507), die zusammen die Rotte des Düngers steuern und erst im Zusammenspiel ihre volle Aufgabe erfüllen. Das Schafgarbenpräparat ist dabei das Präparat, mit dem Rudolf Steiner im Landwirtschaftlichen Kurs die Reihe der Düngerzusätze eröffnete.
Die Schafgarbe als Pflanze
Die Schafgarbe ist eine Korbblütlerin (Asteraceae). Sie bildet eine Trugdolde aus vielen einzelnen Köpfchen, die nahezu in einer Ebene zusammenstehen und einen differenzierten weißen oder rosa „Spiegel" ergeben, der sich nach oben öffnet. Die einzelnen Pflanzen stehen meist über Rhizome im Verband. Das Blatt ist fein gefiedert, der Stängel faserig-fest und fast verholzend; er kommt im Frühjahr aus einer dichten Rosette aus Fiederblättern.
In dieser Gestalt treffen zwei Eigenschaften aufeinander: die feine Fiederung der Blätter und die Differenzierung der Blüten auf der einen Seite, der feste, zur Verholzung neigende Stängel auf der anderen. Biodynamisch wird das so gedeutet, dass sich in der Festigkeit das Kalium zeigt — bekannt als Katalysator beim Umbau von Zucker zu Stärke und Zellulose —, in der feinen Ausbildung dagegen der Schwefel als „Träger des Geistigen". Die Schafgarbe wächst verbreitet an Acker- und Wegrändern; Steiner riet ausdrücklich, sie dort nicht auszurotten, weil schon ihre bloße Anwesenheit günstig auf das Pflanzenwachstum wirke.
Steiners Charakterisierung im Landwirtschaftlichen Kurs
Im fünften Vortrag des Landwirtschaftlichen Kurses (GA 327, 1924) nannte Steiner die Schafgarbe ein „Wunderwerk": Bei keiner anderen Pflanze, so seine Beobachtung, brächten es die Naturkräfte „zu einer solchen Vollendung, den Schwefel zu verwenden". Die Schafgarbe stelle sich in der Natur dar, „als wenn irgendwelcher Pflanzenschöpfer bei dieser Schafgarbe ein Modell gehabt hätte, um den Schwefel in der richtigen Weise zu den anderen Pflanzensubstanzen in ein richtiges Verhältnis zu bringen".
Der homöopathisch geringe Schwefelgehalt der Schafgarbe, der „in musterhafter Weise mit Kalium in Verbindung" stehe, befähige die Pflanze, ihre Wirkung „über größere Massen auszustrahlen". Steiner betonte zugleich, was die ganze Präparatearbeit kennzeichnet: Man bleibe dabei „innerhalb des Lebendigen" und gehe „nicht in die unorganische Chemie hinein". Das ist der Kern seines Ansatzes — nicht Stoff zuführen, sondern dem Dünger eine Tendenz zur Lebendigkeit geben, „die ihn dann wieder befähigt, der Erde die entsprechende Lebendigkeit zuzuführen".
Warum die Blase eines Rothirschs?
Der zweite Pol des Präparates ist die Blase des Rothirschs (Cervus elaphus) — auf Steiners Rückfrage in der Fragenbeantwortung ausdrücklich die des männlichen Rotwilds. Steiners Begründung: Das Edelwild stehe „in einem ganz besonders intimen Zusammenhange" nicht so sehr mit der Erde, sondern mit der Umgebung der Erde, „mit dem, was in der Umgebung der Erde kosmisch ist". Sichtbares Zeichen sei das Geweih, das jährlich abgeworfen wird und wie eine Antenne überschüssige Kräfte abgibt und kosmische aufnimmt — anders als das stauende Kuhhorn.
Den zwischen Niere und Blase ablaufenden Prozess, der das in der Schafgarbe Liegende „ganz besonders konserviert", verband Steiner mit der substanziellen Beschaffenheit der Blase. So sei „die Edelwildblase fast ein Abbild des Kosmos" — und gerade dadurch geeignet, die Kräfte der Schafgarbe „wesentlich zu erhöhen". Niere und Blase sind anatomisch die Ausscheidungsorgane für gelöste Salze, vor allem Stickstoff und Kali im Harn; biodynamisch wird diese organische Funktion als Hülle weitergeführt.
Herstellung Schritt für Schritt
Die Hirschblase vorbereiten. Frische Hirschblasen werden nach dem Aufbruch mit einem Gras- oder Strohhalm oder einer Luftpumpe aufgeblasen, im schattigen Luftzug aufgehängt oder an der Sonne getrocknet und dann motten- und fliegensicher aufbewahrt. Eingefroren wird nicht — die Hülle soll „im Lebendigen" bleiben.
Schafgarbenblüten sammeln. An sonnigen Tagen werden die Blütenköpfchen gepflückt, wenn alle Blüten eines Schirms aufgeblüht sind (die Frucht darf zum Teil schon veranlagt sein). Gebraucht werden nur die Blütchen mit möglichst wenig Stängelanteil. Praktisch sind faustdicke Sträuße, die zu Hause mit Schere oder Messer getrennt werden; bei größeren Mengen trocknet man die Sträuße auf Rosten und trennt Köpfchen und Stängel später.
Füllen und über Sommer aufhängen. Im Frühjahr — zwischen Ostern und Pfingsten, spätestens bis Johanni — werden die getrockneten Köpfchen mit Press-Saft oder Tee aus der frischen Pflanze so weit befeuchtet, dass sie dem stark angewelkten Zustand entsprechen, und in die kurz eingeweichte Blase gestopft. Die gefüllte Blase soll ihre natürliche, kugelige Form annehmen, fest, aber nicht übermäßig fest gestopft. Sie wird fest zugebunden, netzartig umwickelt und an einem luftigen, sonnigen Ort aufgehängt — etwa an der Südseite eines Gebäudes unter der Dachtraufe —, wo sie über den Sommer den Lichtkräften ausgesetzt ist.
Eingraben über Winter. Im Herbst, Ende September bis Mitte Oktober, werden die Blasen abgenommen und rund 30 cm tief eingegraben. Gegen Mäusefraß legt man die Grube mit frisch geschnittenen Holunderzweigen aus (deren Geruch Mäuse meiden). Über Winter bleibt das Präparat im Boden — zur Zeit, in der die Erde nach biodynamischem Bild „einatmet" und für den Kosmos geöffnet ist.
Bergen im Frühjahr. Um Ostern bis Ende April wird das Präparat vorsichtig — „wie bei den Archäologen" — geborgen. Meist ist nur noch der Umriss der Blase erkennbar und die Hülle brüchig; es empfiehlt sich, etwas der berührenden Erde mit aufzunehmen, damit nichts verloren geht.
Mengen und Bedarf
Für die Herstellung rechnet Wistinghausen je Hektar Düngerbedarf (entsprechend dem Mist von etwa einer Großvieheinheit) mit rund 250 g frischen bzw. 25–50 g getrockneten Schafgarbenblüten. Für einen Betrieb von 20–30 ha genügen etwa 4–5 kg frische oder ½–1 kg getrocknete Blüten und eine kleinere Hirschblase. Eine fertige „Portion" Kompostpräparat misst nur 1–2 cm³; eine Serie der sechs Präparate reicht für 2–8 m³ festen Dünger bzw. bis 20 m³ Gülle oder Jauche. Die geringen Mengen verdeutlichen, dass es sich um einen Kräfteimpuls handelt, nicht um eine Stoffdüngung.
Wirkung im Kompost
Nach Steiner wirkt die aus der Blase gewonnene Masse „belebend, erfrischend" auf Dung-, Jauche- und Kompostmasse — und zwar durch Ausstrahlung, schon in kleinster, weit verteilter Menge. Sie gebe dem Dünger „die Möglichkeit zurück, die Erde so zu beleben", dass diese die feinen kosmischen Stoffe (Steiner nennt Kieselsäure und Blei in homöopathischer Dosierung) wieder aufnehmen kann. Damit lasse sich „viel von dem, was sonst Raubbau wird, ausbessern".
Ehrenfried Pfeiffer ordnete in seinen Versuchen die Kompostpräparate 502–507 der allgemeinen Kräftigung der Pflanzen im Wuchs zu. In der biodynamischen Tradition gilt das Schafgarbenpräparat speziell als dasjenige, das die Schwefel- und Kaliumprozesse ordnet und den Stickstoffhaushalt des Düngers stabilisiert. Diese funktionale Zuordnung ist biodynamische Sichtweise, keine chemische Wirkungsanalyse.
Anwendung
Das Schafgarbenpräparat wird gemeinsam mit den übrigen Kompostpräparaten eingesetzt: Ein kleines Klümpchen wird in ein Bohrloch des Komposthaufens oder der Mistmiete gesteckt, der flüssige Baldrian (507) kommt zusätzlich über die Oberfläche. Die fünf festen Präparate (502–506) und der Baldrian bilden eine zusammenwirkende Serie; eine Portion (rund 1 cm³) reicht für etwa zehn Kubikmeter Dünger. Eingesetzt werden sie, sobald organische Substanz anfällt — so früh wie möglich und nach dem Umsetzen wiederholt.
Lagerung
Das fertige Präparat wird getrennt von den anderen aufbewahrt, von mindestens 5 cm Torf (Hochmoortorf) oder unbehandelter Kokosfaser umgeben, in einem Gefäß aus Holz, Ton oder Steingut, kühl und frostfrei. Ob man es erdfeucht oder getrocknet lagert, ist in der Praxis offen und wird individuell entschieden. Ausführlich unter Lagern der Präparate.
Einordnung
Steiners Begründung — Schwefel als „Träger des Geistigen", die Hirschblase als „Abbild des Kosmos" — entstammt seinem geisteswissenschaftlichen Weltbild und wird hier als Ursprungskonzept referiert, nicht als naturwissenschaftlich gesicherte Wirkungsbeschreibung. Die Prozess-Zuordnung (Schwefel/Kalium) ist biodynamische Tradition. Für Demeter-Betriebe ist die Anwendung der Kompostpräparate verpflichtend (siehe Demeter-Zertifizierung).
Häufige Fragen zum Schafgarbenpräparat
Woraus besteht das Präparat 502?
Aus Schafgarbenblüten, gereift in der Blase eines männlichen Rothirschs — über Sommer sonnenbeschienen aufgehängt, über Winter eingegraben.
Welche Funktion hat Schafgarbe (502) im Kompost?
Es ordnet nach biodynamischem Verständnis die Schwefel- und Kaliumprozesse, stabilisiert den Stickstoffhaushalt und wirkt belebend auf den Dünger.
Warum eine Hirschblase und kein anderes Organ?
Steiner verband das Edelwild über sein Geweih mit den kosmischen Kräften der Erdumgebung; die Blase galt ihm als „Abbild des Kosmos", das die Schafgarbenkräfte verstärkt. Andere Präparate nutzen darum andere Organe.
Kann man die Schafgarbe als Droge verwenden?
Ja. Steiner hielt fest, dass man die Pflanze auch getrocknet (als Droge) verwenden kann, wenn man sie nicht frisch zur Hand hat — man begieße den Blütenstand dann mit ausgepresstem oder abgekochtem Saft.
Wie viel braucht ein Betrieb?
Für 20–30 ha genügen etwa 4–5 kg frische oder ½–1 kg getrocknete Blüten und eine kleinere Hirschblase pro Jahr — die Mengen sind bewusst gering.