Baldrianpräparat 507
Das Baldrianpräparat (507) ist das einzige flüssige Kompostpräparat: ein vergorener Auszug aus Baldrianblüten, verdünnt über den Kompost gesprüht. Es regt nach Steiner die Phosphorprozesse an und gibt eine „Wärmehülle".
Was ist das Baldrianpräparat (507)?
Das Baldrianpräparat (507) ist das sechste und letzte der Kompostpräparate und das einzige flüssige: ein vergorener Auszug aus den Blüten des Echten Baldrians (Valeriana officinalis). Stark verdünnt wird es über den fertig präparierten Kompost oder Mist gesprüht. Nach biodynamischem Verständnis regt es den Dünger an, sich „in der richtigen Weise" gegenüber der Phosphorsubstanz zu verhalten, und legt nach verbreiteter Tradition eine „Wärmehülle" über die Düngermiete.
Im Ensemble der sechs Präparate bildet der Baldrian den Abschluss: Während die fünf festen Präparate (502–506) eingebracht werden, wird der Baldrian zuletzt über die Oberfläche verteilt — der „wärmende" Mantel der Serie.
Der Baldrian als Pflanze
Der Echte Baldrian ist eine mehrjährige Staude, die im Juni in Auenlandschaften, am feuchten Waldsaum, an Gräben oder Quellhängen wächst. Aus der breiten, rot-grünen Blattrosette schießt rasch ein hohler, gerieft-kantiger Blütentrieb bis zu zwei Meter hoch und bildet eine Trugdolde aus weißen bis violettweißen Röhrenblüten mit süßem, klebrigem, charakteristisch duftendem Saft, der viele Insekten anlockt. Er bevorzugt Halbschatten und feuchten, kalkhaltigen Untergrund, verbreitet sich über Rhizome und Samen und wechselt nach einigen Jahren oft den Standort.
Biodynamisch gilt der Baldrian als „Wärme-Pflanze": Die im Blütenkorb gesammelte Wärme, der bekannte beruhigende Wurzelextrakt — beides wird als Ausdruck eines Wärmeprozesses gedeutet, der mit dem Phosphor verbunden ist (Phosphor ist im Adenosintriphosphat an Energieaufnahme und -abgabe beteiligt). Im Lexikon geht es um die Rolle der Pflanze im Präparat, nicht um Heilversprechen für den Menschen.
Steiners Charakterisierung im Landwirtschaftlichen Kurs
Im fünften Vortrag des Landwirtschaftlichen Kurses fügte Steiner den Baldrian als sechstes Mittel hinzu: „Überwindet man sich dann noch und preßt, bevor man den so zubereiteten Dünger verwendet, die Blüten von Valeriana officinalis, von Baldrian, aus und verdünnt dasjenige, was man da herauspreßt, sehr stark … so kann man, wenn man dem Dung in einer ganz feinen Weise beibringt diesen verdünnten Saft der Baldrianblüte, insbesondere in ihm dasjenige hervorrufen, was ihn anregt dazu, sich gegenüber demjenigen, was man Phosphorsubstanz nennt, in der richtigen Weise zu verhalten." Erst mit diesen „sechs Ingredienzien" — Schafgarbe, Kamille, Brennnessel, Eichenrinde, Löwenzahn und Baldrian — lasse sich „ein ganz vorzüglicher Dünger" aus Jauche, Stallmist oder Kompost herstellen.
Herstellung Schritt für Schritt
Blüten ernten. Die frisch aufgeblühten Blütenstände werden morgens gesammelt; an jedem Standort bleiben einige für die Insekten stehen. Größere Mengen dürfen wegen der raschen Erwärmung nicht lange im Sammelbehälter bleiben.
Saft gewinnen. Die Blüten werden fein zerhackt oder gemahlen und ausgepresst, um den reinen Blütensaft zu gewinnen — etwa mit Fleischwolf, Entsaftervorsatz oder Obstpresse. Alternativ besprüht man die Blüten mit etwas Regen- oder Brunnenwasser, lässt sie über Nacht stehen und presst am nächsten Tag aus. Der Trester ergibt, einen Tag aufgeschwemmt und nochmals gepresst, eine brauchbare zweite Qualität.
Vergären lassen. Der grüne bis kaffeebraune Saft wird abgeseiht, in Flaschen oder Glaskolben gefüllt und mit Gummihaube oder Gärrohr verschlossen — Gase müssen austreten, Luft darf nicht einströmen. Luftabschluss fördert die erwünschte Gärung. Erst nach etwa sechs Wochen wird fest verschlossen (sofortiges Zukorken könnte den Behälter durch Gärgase sprengen). Der reife Saft soll bräunlich-rot (kaffeeähnlich) sein und kräftig-harmonisch, fruchtig-säuerlich riechen — nicht faulig oder jauchig.
Pflege. Bildet sich oben eine Kahmhefeschicht und unten eine faulende Absetzschicht, gießt man den Inhalt ohne die Sinkschicht durch ein feines Sieb in einen frischen Behälter um und verschließt fest. Verjauchte Behälter werden nicht vernichtet, sondern in Birkengrube, Kompost, Mistgang oder Güllegrube gegeben — das Präparat bleibt wirksam. Wistinghausen merkt an, Verjauchung lasse sich (nach nicht statistisch geprüfter Erfahrung) oft vermeiden, wenn man beim Pflücken und Verarbeiten die Blatt-Tage meidet und Blütentage bevorzugt (siehe Aussaattage und Tierkreis).
Lagerung
Das Baldrianpräparat wird in geschlossenen Glasbehältern kühl, trocken und frostfrei in einem dunklen Raum aufbewahrt. Es gewinnt mit der Lagerung an Reife und ist mehrere Jahre verwendbar, solange es seinen Duft behält. Anders als die festen Kompostpräparate, die in Torf gelagert werden, bleibt der Baldrian in der dunklen Flasche (siehe Lagern der Präparate).
Mengen und Bedarf
Für einen Betrieb von 20–30 ha genügen rund 2–3 kg frische Baldrianblüten, die ausgepresst etwa einen Liter Saft ergeben. Eine fertige Portion misst 2–3 cm³ — also etwas mehr als bei den festen Kompostpräparaten. Eine Serie der sechs Präparate enthält je 1 cm³ der fünf festen plus 2 cm³ Baldrian.
Wirkung im Kompost
Nach Steiner regt der verdünnte Baldriansaft den Dünger an, sich gegenüber der Phosphorsubstanz richtig zu verhalten. In der biodynamischen Tradition gilt 507 als „Wärmepräparat": Über die Düngermiete gesprüht, gebe es dieser eine schützende Wärmehülle und fördere das Bodenleben, unter anderem den Regenwurm; frostschützende Wirkung wird ihm etwa bei der Obstblüte zugeschrieben. Diese funktionalen Zuordnungen (Phosphor, Wärme) sind biodynamische Sichtweise, keine chemische Wirkungsanalyse.
Anwendung
Der Baldrian wird als Abschluss der Präparatearbeit eingesetzt: stark verdünnt (mit warmem Wasser), kurz gerührt und über den präparierten Kompost, die Mistmiete oder Gülle gesprüht — etwa mit einer Gießkanne, einem Reisigbesen oder einer Rückenspritze. Er ergänzt die fünf festen Präparate zur vollständigen Serie. Über die Düngerpflege hinaus wird der verdünnte Baldrian gelegentlich auch direkt im Frühjahr und zur Obstblüte als Wärme-/Frostschutzimpuls gespritzt.
Einordnung
Steiners Begründung (Phosphorbezug) und die Wärme-Deutung entstammen dem geisteswissenschaftlichen Weltbild bzw. der biodynamischen Tradition und werden hier als Ursprungskonzepte referiert, nicht als naturwissenschaftlich gesicherte Wirkungen. Heilwirkungen des Baldrians für den Menschen sind nicht Gegenstand dieses Eintrags. Für Demeter-Betriebe ist die Anwendung der Kompostpräparate verpflichtend (siehe Demeter-Zertifizierung).
Häufige Fragen zum Baldrianpräparat
Woraus besteht das Präparat 507?
Aus dem ausgepressten, vergorenen Saft der Blüten des Echten Baldrians (Valeriana officinalis) — das einzige flüssige Kompostpräparat.
Wie wird 507 angewendet?
Stark mit (warmem) Wasser verdünnt und über den präparierten Kompost, Mist oder Gülle gesprüht — als Abschluss der Präparatearbeit.
Was bewirkt das Baldrianpräparat?
Nach Steiner regt es den Dünger an, sich gegenüber der Phosphorsubstanz richtig zu verhalten; in der Tradition gibt es als „Wärmepräparat" eine schützende Wärmehülle und fördert das Bodenleben.
Wie lange ist es haltbar?
Mehrere Jahre, in dunkler, geschlossener Flasche kühl und frostfrei gelagert — solange es seinen charakteristischen Duft behält.
Warum gärt der Saft?
Die milchsaure Gärung unter Luftabschluss ist erwünscht; sie macht aus dem Blütensaft das haltbare Präparat. Der Behälter wird erst nach etwa sechs Wochen fest verschlossen, damit die Gärgase entweichen können.