Brennnesselpräparat 504
Das Brennnesselpräparat (504) ist das einzige Kompostpräparat ohne tierische Hülle: die ganze Pflanze reift, von Torf umgeben, ein Jahr im Boden. Steiner nannte die Brennnessel die „größte Wohltäterin".
Was ist das Brennnesselpräparat (504)?
Das Brennnesselpräparat (504) ist das dritte der sechs Kompostpräparate und das einzige, das ohne tierische Hülle hergestellt wird: Die ganze blühende Pflanze (Urtica dioica) wird, nur von einer Schicht Torf umgeben, ein volles Jahr in den Boden gelegt. Es wird dem Kompost und Wirtschaftsdünger in kleinster Menge zugesetzt und soll diesen nach biodynamischem Verständnis „innerlich empfindlich" und „vernünftig" machen — so dass er Stickstoff hält und sich nicht in falscher Weise zersetzt.
Steiner maß dem Brennnesselpräparat eine Sonderstellung bei. Die Brennnessel sei „die größte Wohltäterin des Pflanzenwachstums" und kaum durch eine andere Pflanze zu ersetzen — der eine Fall, von dem er im fünften Vortrag sagte, ein Ersatz werde sich „kaum in einer anderen Pflanzenart in derselben Weise finden".
Die Brennnessel als Pflanze
Die Große Brennnessel wächst im Halbschatten zwischen Sträuchern, unter Bäumen und besonders dort, wo Stickstoffüberschüsse herrschen; gräbt man ihren Standort auf, findet man eine dunkle, lockere, humose Erde. Sie wird aufrecht bis zu 1,50 m hoch, mit festem, faserigem, vierkantigem Stängel und gezähnten, herzförmig zugespitzten Blättern. Die Blüte der zweihäusigen Pflanze ist unscheinbar und traubig. Die Blätter tragen feine Brennhaare mit verkieseltem Köpfchen, das bei Berührung abbricht und einen brennenden Zellsaft entlässt.
Ihr kräftiges, weit ausstrahlendes Wurzelwerk bildet nach Wurzeluntersuchungen eine der dichtesten Durchwurzelungen, die beobachtet wurden. Über das Rhizom tritt die Brennnessel in breiten Horsten auf. Biodynamisch gilt sie als Pflanze, die Boden, Pflanze, Tier und Mensch zugutekommt: Sie verbessert die Bodenstruktur, entzieht überschüssige Eisen- und Stickstoffwirkungen und ist als Auszug (Brennnesseljauche) ein verbreitetes Pflanzenstärkungsmittel.
Steiners Charakterisierung im Landwirtschaftlichen Kurs
Im fünften Vortrag des Landwirtschaftlichen Kurses hob Steiner die Brennnessel besonders hervor: Sie sei „ein Allerweltskerl, die kann ungeheuer viel". Sie trage — wie Schafgarbe und Kamille — den Schwefel in sich, der „das Geistige überallhin einordnet und verarbeitet", führe aber zusätzlich „Kali und Kalzium in ihren Strahlungen und Strömungen fort" und habe darüber hinaus „noch eine Art Eisenstrahlungen, die fast so günstig sind dem Laufe der Natur wie unsere eigenen Eisenstrahlungen im Blute". Daher sein berühmtes Bild: Die Brennnessel „müßte eigentlich den Menschen ums Herz herum wachsen", denn sie sei in ihrer inneren Organisation „ähnlich demjenigen, was das Herz im menschlichen Organismus ist".
Beigemischt mache das Präparat den Dünger „innerlich empfindlich", so dass er sich „nicht gefallen läßt, daß irgend etwas in einer unrichtigen Weise sich zersetzt und … den Stickstoff abläßt". Steiner sprach von einer „Durchvernünftung" des Bodens durch Urtica dioica — der Dünger werde befähigt, „auch die Erde, in die er nun hineingearbeitet wird, vernünftig zu machen", so dass sie sich auf die jeweils gewünschten Pflanzen hin individualisiert. In der Fragenbeantwortung stellte Steiner klar, dass die perennierende (mehrjährige) Urtica dioica gemeint ist und man beim Kraut die Blätter mit verwenden kann — das ganze blühende Kraut ohne Wurzel.
Warum keine tierische Hülle?
Anders als die übrigen Kompostpräparate braucht die Brennnessel keine Organhülle. Steiner ließ sie „ohne Edelwildblase, ohne Rindsdärme" einfach in die Erde eingraben, gibt aber „eine leichte Schichte von … Torfmull" hinzu, „so daß es etwas von dem unmittelbaren Erdreich abgesondert ist". Das Präparat ist dadurch unmittelbar dem Erdprozess anvertraut — passend zu Steiners Bild der Brennnessel als dem Erdigen besonders verwandte Pflanze. Die Torfschicht trennt das verrottende Kraut vom Mineralboden und reguliert die Feuchte.
Herstellung Schritt für Schritt
Ernten. Geerntet wird die Große Brennnessel am Anfang der Blüte (in Mitteleuropa meist im Juni). Den Blühbeginn erkennt man bei Windstille daran, dass die männlichen Blüten bei heißem Wetter aufplatzen und kleine Pollenwölkchen entlassen. Am frühen Morgen wird mit der Sense direkt über dem Boden gemäht und das Kraut bis zum Nachmittag zum Anwelken liegen gelassen.
Eingraben mit Torf. Eine Grube wird ausgehoben (wie bei den anderen Präparaten, ohne Staunässe). Die angewelkten Brennnesseln werden so eingepackt, dass sie seitlich und oben von mindestens 5 cm Torf eingeschlossen sind, bevor der Aushub wieder darüberkommt. Bewährt haben sich Bündel, ein grobmaschiger Sack oder eine bodenlose Holzkiste, die mit Torf umgeben und mit festgepressten Nesseln gefüllt wird.
Ein Jahr im Boden. Ein ganzes Jahr — über Winter und Sommer — bleibt das Kraut in der Erde, bevor die Grube wieder geöffnet wird. Die stark verrotteten Nesseln liegen dann in einer dunklen, festen, verhältnismäßig dünnen Schicht.
Bergen. Zur Bergung wird die Torfschicht vorsichtig abgenommen und das fertige, zerkleinerte Präparat in den vorgesehenen Behälter gefüllt. Die leere Grube wird gleich wieder mit Torf ausgefüttert und mit frisch gemähten Nesseln gefüllt; sie dient über Jahre demselben Zweck.
Mengen und Bedarf
Pro Hektar rechnet Wistinghausen mit rund 500 g frischen bzw. 50–100 g getrockneten Brennnesseln. Für einen Betrieb von 20–30 ha genügen etwa 10–20 kg frische Brennnesseln und ¼–½ Ballen Torf. Da das Präparat reichlich gebraucht und großzügig angewendet werden soll, empfiehlt sich eine größere Herstellungsmenge. Eine fertige Portion misst — wie bei den anderen festen Kompostpräparaten — nur 1–2 cm³.
Wirkung im Kompost
Nach Steiner ist das Brennnesselpräparat „eine Substantialität von ungeheurer Wirkung", die den Dünger „vernünftig" macht: Er wird befähigt, Stickstoff zu halten und Fehlzersetzung zu vermeiden, und überträgt diese Ordnung auf die Erde. In der biodynamischen Tradition gilt 504 als das Präparat, das die Eisen-, Kalium- und Stickstoffprozesse ins Gleichgewicht bringt und dem Dünger „Empfindsamkeit" verleiht. Ehrenfried Pfeiffer ordnete die Kompostpräparate insgesamt der Wuchskräftigung zu. Diese funktionalen Zuordnungen sind biodynamische Sichtweise, keine chemische Wirkungsanalyse.
Anwendung
Das Brennnesselpräparat wird gemeinsam mit den übrigen Kompostpräparaten als Klümpchen in den Komposthaufen oder die Mistmiete eingebracht. Die fünf festen Präparate (502–506) und der flüssige Baldrian (507) bilden eine zusammenwirkende Serie; eine Portion reicht für rund zehn Kubikmeter Dünger. Vom Brennnesselpräparat darf reichlich angewendet werden.
Einordnung
Steiners Bilder — die Brennnessel als „Herz" der Natur, ihre „Eisenstrahlungen", die „Durchvernünftung" des Bodens — entstammen seinem geisteswissenschaftlichen Weltbild und werden hier als Ursprungskonzept referiert, nicht als naturwissenschaftliche Wirkungsbeschreibung. Die funktionale Zuordnung (Eisen/Kalium/Stickstoff) ist biodynamische Tradition. Für Demeter-Betriebe ist die Anwendung der Kompostpräparate verpflichtend (siehe Demeter-Zertifizierung).
Häufige Fragen zum Brennnesselpräparat
Woraus besteht das Präparat 504?
Aus der ganzen blühenden Großen Brennnessel ohne Wurzel, ohne tierische Hülle, nur von Torf umgeben ein Jahr im Boden gereift.
Warum braucht 504 keine Tierhülle?
Steiner ließ die Brennnessel direkt — mit einer trennenden Torfschicht — in die Erde eingraben. Sie gilt als dem Erdigen besonders verwandte Pflanze und braucht kein Organ als Hülle.
Wie lange bleibt die Brennnessel im Boden?
Ein volles Jahr — über Winter und Sommer —, deutlich länger als die anderen Kompostpräparate.
Was bewirkt 504 im Dünger?
Es macht den Dünger nach biodynamischem Verständnis „empfindlich" und „vernünftig": Er hält Stickstoff besser und zersetzt sich geordneter. Steiner sprach von einer „Durchvernünftung" des Bodens.
Ist 504 dasselbe wie Brennnesseljauche?
Nein. Das Präparat 504 ist ein gereiftes Kompostpräparat. Die Brennnesseljauche ist ein separater Pflanzenauszug zur Boden- und Pflanzenstärkung — verwandte Pflanze, anderer Zweck.